Das war der neXTday

Am Samstag, den 12. September 1998 war es soweit: der neXTday konnte starten. Sämtliche Mitgliedsorganisationen des Landesjugendrings Niedersachsen hatten daran mitgewirkt. Ob bei der Organisation der gesamten Veranstaltung, beim Vorbereiten von Work- und Joyshops, bei der Auftaktveranstaltung oder bei der Abschlußaktion, überall haben Aktive aus den Jugendverbänden viel Zeit und Engagement ins Gelingen der Großveranstaltung zum 50. Geburtstag des Landesjugendrings gesteckt. Und der Einsatz hat sich gelohnt: Rund 1.200 junge Leute aus ganz Niedersachsen und zahlreiche Gäste aus der Landespolitik – darunter Landtagspräsident Wernstedt und Kultusministerin Jürgens-Pieper – sind nach Hannover in den Pavillon gekommen. Geboten wurde eine ganze Menge, nämlich mehr als 150 Programmpunkte. Verbindendes Element war die Zukunftsorientierung: es gab einen Kongreßteil zu den zentralen Themen des Projektes neXTgeneration, viele Workshops, z.B. zu Solarenergie, Beteiligungsformen für Mädchen und Frauen, Internet, Straßenkindern, Ausbildung der Zukunft und vielem mehr. Nicht zu vergessen sind die Joyshops, wie z.B. eine Graffiti-Wand, Jonglage, Zukunftstheater oder einen Relaxraum. Am Abend war feiern angesagt. VibesBuildAir, Mana Love und die Jinxs sorgten für einen rockigen Abschluß. Wünsche hat lediglich das Wetter offengelassen …

Frisch aufgetaut: 50jährige Zeitreise mit Landtagspräsident und Mülltonnen

Heute ist es fast in Vergessenheit geraten: Noch vor 50 Jahren stand die Menschheit hilflos vor verregneten Sommern, Urlaub begann im Stau auf der Autobahn, und über politische Rechte von Kindern und Jugendlichen wurde heiß diskutiert. Aber 1998 feierte der niedersächsische Landesjugendring auch seinen 50. Geburtstag. Zum 100. erinnerte jetzt eine nostalgische Zeitreise an die wilden Jahre zwischen 1948 und 1998.

„Es war die Zeit, als Tammagotchis noch selbst gehütet werden mußten”, fast klang es, als wären m & m damals selbst dabei gewesen, am 12. September 1998, als der Landesjugendring in Hannover sein 50jähriges Bestehen feierte. 1.200 junge Leute sahen die History-Show der beiden Multi-Media-Moderatoren. Die lobten Baseballkappen und Plateauschuhe im Publikum: „Toll, alle seid ihr verkleidet wie vor 50 Jahren.” Und: „In der ersten Reihe sitzen originalgetreu Politiker-innen und Verwaltungsbeamte.”

Dann wurde die gute alte Zeit wahrhaft lebendig. Rolf Wernstedt, 1998 Landtagspräsident, wurde taufrisch auf die Bühne gerollt. Eine spezielle Konservierungsfolie machte es möglich. Gedanklich hatte er den Tiefschlaf gut überstanden. Seine Erinnerungen an die Zeit vor der Jahrhundertwende: „Gerhard Schröder wurde Bundeskanzler.”, die weiteren bekannten Details behielt der Professor für sich: „Ich sage nicht, was daraus geworden ist.”

Wernstedt nannte auch das größte Problem, das Jugendliche vor zwei Generationen beschäftigte. Arbeitslosigkeit: „Wir konnten nicht sagen, ihr werdet alle gebraucht.” Lange hat es gedauert, bis die Politik die Krise mit neuen Ideen in den Griff bekam. „Grüne und alte Jusos blieben allein, die Kommunisten waren auch nicht mehr, was sie mal waren”, so beschrieb der Landtagspräsident die politische Landschaft vor 50 Jahren.

Doch dann habe es bei den jungen Leuten eine Veränderung gegeben: „Die Jugendlichen bekamen mit, daß man alleine doch nichts schafft.” Ein neuer Gedanke habe sich durchgesetzt: „Ein bißchen Zeit und Kraft für andere übrig haben, das ist das wichtigste.” Sprach Wernstedt und verschwand erstmal wieder: „Ich bin jetzt müde, ich muß zurück ins Refreshing-Center.”

Aufgefrischt wurde dann wieder die Erinnerung des Publikums. Durchschnittsjugendliche standen auf der Bühne. „Die Russen haben den Sputnik im All, und?”, fragte sich ein verschüchterter Junge. Antwort eines bezopften Mädchens: „Ich habe hier ‘ne neue Zeitschrift: ‘Bravo’. Mit Bill Haley und Peter Krauss.” In den 60ern wurde über Demokratie diskutiert, in den 70ern stellte sich in der Jugendarbeit die Frage: „Reicht uns das?”

Die Jugendgruppen wurden kleiner: Hausbesetzerszene, Anti-Atom- Bewegung, wurden für Jugendliche attraktiv. Arbeitsweisen und Inhalte in den klassischen Jugendverbänden wurden breiter.

Zu breit? „Wir suchen nach Freiwilligen aller Art für Arbeiten aller Art”, hielten in den 90ern Verbandsfunktionäre Ausschau nach Ehrenamtlichen. „Wir versprechen Euch viele schöne Dinge: Ehrennadeln, Essen, Trinken, Fahrtkostenerstattung und Telefonkarten.” Und tatsächlich, in der Bio-Tonne fand sich eine Ehrenamtliche. Wie sah ihr Ehrenamt damals aus? „Kaffee kochen, diskutieren, telefonieren, diskutieren, frankieren, Zelt aufbauen, Müll sortieren.” Am Ende des monotonen Liedes stand die besorgte Frage eines Hauptamtlichen: „Was, schon k.o.?” Das Ende ist klar: Die Restmülltonne.

Dann kam das, von dem lange nicht klar war, ob es für eine Wende in Jugendarbeit und -politik reichen würde oder nicht: der „neXTday” in Hannover. Inzwischen ist er ein Klassiker, damals wurde der „neXTgeneration-Rap” zum ersten Mal gesungen: „Visionen, die sich lohnen, das ist unser Ding, weil wir die neXTgeneration sind”. Die, die dabei waren, sprechen noch heute von einem bewegenden Moment, als 1.200 Leute mitsangen und jubelten.

 

Damals war auch Niedersachsens Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper dabei, skizzierte ihre Träume für die Zeit bis 2048. „Ich wünsche, daß es in 50 Jahren genügend Arbeitsplätze gibt. Und Gleichberechtigung ist dann kein Problem mehr”, sagte die inzwischen 97jährige. Das Wahlalter 16 bei Kommunalwahlen dürfe nicht der letzte Schritt bleiben. Jürgens-Pieper legte die Meßlatte für Politiker damals hoch: „Alle Kinder und Jugendlichen müssen an politischen Prozessen beteiligt werden.”


Kongreß

„Unsere Gesellschaft wird anders aussehen, wenn Jugendliche in Entscheidungen mit einbezogen werden. Unklar ist, wie die Gesellschaft dann aussehen wird”, so zerstreute Klaus Farin gleich alle Hoffnungen auf hellseherische Fähigkeiten. Der Berliner Publizist und Leiter des Archivs der Jugendkultur sprach über die „Zukunft der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen”.

Farins Bild vom Jugendlichen der Gegenwart: „Der Markt erfüllt scheinbar alle Bedürfnisse. Jugendliche müssen sich kaum noch selber bemühen. Das führt zu einem Verlust von kreativem Potential und Geduld.” Farin: „Langeweile ist der Hauptfeind Nr. 1.”

Politik habe es da schwer. „Sie ist für die Mehrzahl out”, so der Journalist. Politik werde als Beschneidung der eigenen Freiheiten gesehen. Jugendliche würden oft nur als Probleme, wie Drogenabhängige oder Nazis, wahrgenommen. Dabei seien viele durchaus sensibel für Probleme: „Engagement ist aber zu mühsam. Mit unendlichen Debatten lockt man keinen von der Tanzfläche.”

Erwartet werde dagegen „Sinn und Spaß sofort”. Dem komme die Wirtschaft entgegen: „Der Markt fragt, was sie wollen.” So sieht Farin auch die Zukunft der Jugendarbeit: „Sie wird sich kommerzialisieren müssen.” Action mit nachhaltiger Wirkung, um den Bedürfnissen gerecht zu werden.

Dafür müßten Defizite bei der Vertretung von Mädchen und Frauen in den Jugendverbänden verschwinden, so Farin. Frauen seien effektiver und innovativer als Männer. „Ein Verband, der das nicht innerhalb von zehn Jahren geregelt kriegt, wird bei der nächsten Feier des Landesjugendrings mangels Masse nicht mehr dabei sein.”

Politische Beteiligung funktioniere in Zukunft am besten „vor Ort”. „Wahlrecht alleine wird nicht soviel bringen.” Farins Vorschlag: „Kindern zeigen, daß es Sinn macht, zu protestieren.” Jugendliche müßten auch außerhalb vorgegebener Strukturen auftreten: „Vielleicht ist Dialogverweigerung effektiver. Gelegentlich muß man auch einen Dialog abbrechen und einfach etwas machen.” Farin warnte vor Jugendparlamenten: „Wenn die Politik schon fordert, Beiräte zu gründen, sollten alle Alarmglocken läuten.” Er fürchtet: „Das lähmt wirkliche Mitbestimmung.”

Für alle, die mehr Interesse am Thema haben, gab es von Farin noch einen Tip: „Wer wissen will, was Jugendliche denken, muß Bravo lesen.”


Work- und Joyshops



Durch den ersten Stock im Pavillon hallen „Die Prinzen”. Melodie: „Das ist alles nur geklaut.” Der Text ist allerdings ein bißchen verändert. Ein Chor singt: „Das ist alles nur ‘ne Wahl, ejo, ejo, das ist alles gar nicht scheiße.”

So klingt das Ergebnis vom Radio-Workshop des BDKJ. 16 junge Leute haben eineinhalb Stunden gearbeitet, für einen Spot von einer Minute und 15 Sekunden. Hat es sich gelohnt? „Ich war total aufgeregt”, sagt Dominik, 15, „aber so gefällt mir das.” Spots von Jugendlichen, die Jugendliche dazu bringen sollten, zur Bundestagswahl zu gehen, liefen vor der Abstimmung auch bei ffn, Antenne und N-Joy-Radio. Die Spots vom neXTday wurden zwar nicht gesendet, dafür wurde es hinterher für Workshop-Organisator Dirk Mittendorf aus Münster noch mal richtig spannend: „Ich weiß nicht, ob mein Wagen noch da ist. Ich habe in der zweiten Reihe geparkt.”

Christina kann ihre Socken nicht finden. Dabei liegen sie nur einen halben Meter entfernt von ihr auf dem Boden. Mit den Füßen tastet die Elfjährige immer wieder knapp dran vorbei. Seit 15 Minuten sieht sie nichts mehr, trägt eine Taucherbrille mit schwarzen Gläsern.

„Ich fühle was, was Du nicht siehst!”, heißt der Workshop vom Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt. Christina ist „blind” durch ein Zelt mit Hindernisparcours gelaufen. Vorsichtig hat sie ihre Füße in Kisten mit Kieselsteinen oder Stroh gesetzt. „Ich hatte ein bißchen Angst, man weiß ja gar nicht, was dann kommt”, beschreibt sie ihre Gefühle. Fünf Minuten später hat sie die rot-weiß gestreiften Socken wiedergefunden. Aber erst nachdem sie die Brille abgesetzt hat. Teamer Jochen Lippe: „Wer so etwas Ähnliches ausprobieren möchte, kann ja mal mit verbundenen Augen Jenga spielen.”

Verfallsdatum, Rückgaberecht, 24 Stunden vor Ort Service: Kundenfreundlichkeit und Qualität sind Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Auf einem Workshop des Rings deutscher Pfadfinderverbände wurde diskutiert, ob es Vergleichbares auch in der Kinder- und Jugendarbeit gibt: „Qualitätsmanagement – Eine DIN für die Jugendarbeit?”

„Wir hatten immer die gleichen Feiern und haben dann festgestellt, die Kinder wollen das gar nicht mehr”, war die Erfahrung eines Teilnehmers von der DLRG. Seit einem halben Jahr beobachte deshalb ein Entwicklungsausschuß die Arbeit. Ziel: „Nicht stehen bleiben, immer fragen, war das gut?”

Da gäbe es dann vor allem ein Problem: „Sind Leute überhaupt motiviert, die eigene Arbeit in Frage zu stellen?” Erstmal müsse auch klar sein, was wie wichtig sei: etwa Spaß, Prävention, erlernen demokratischer Tugenden oder Gemeinschaft.

Die Prüfliste für ein Gütesiegel „Geprüfte Jugendarbeit” hatte leider niemand dabei. Denkanstöße blieben haften: Standardisierte Reflexionen seien nötig, um Entwicklungen erkennen und dann auch Konsequenzen ziehen zu können.

Mitorganisatorin Christe Schnetzs von der katholischen Pfadfinderschaft St. Georg machte Mut zum kritischen Blick in den Spiegel: „Jugendverbände sollten keine Scheu haben, sich messen zu lassen, wir leisten gute Arbeit. Qualitätsmanagement ist eine Möglichkeit, zu prüfen, wo man gerade steht.” Das habe nicht nur mit der Menge der erreichten Jugendlichen zu tun: „Man kann Qualität nicht nur an der Zahl der Teilnehmer messen. Bei zu vielen leidet der Inhalt.” Voraussetzung für Qualität seien „kompetente Leute in Gremien”, die für Geld und verbesserte Öffentlichkeitsarbeit sorgten. Ebenfalls nötig sei eine möglichst große Zahl ehrenamtlicher Mitarbeiter, um gute Angebote machen zu können. Da werde Qualität auch durch Freistellungsregelungen für Berufstätige beeinflußt.


Abschlußveranstaltung

Er sitzt oben auf der Wippe im Trockenen, sie unten im Wasser, und das ganz real im großen Brunnen auf dem Andreas-Hermes- Platz hinterm Pavillon. Sie ist mit dem Platz im Wasser nicht ganz zufrieden: „Es wäre etwas gleichberechtigter, wenn ich auch mal nach oben dürfte...” Aber, keine Chance: „Das ist nichts für Frauen hier.” Damit geht der Chauvi ganz fix baden. Captain neXT greift ein, entfernt den Stein auf der Frauenseite der Wippe...

Viel Feuer zündet die Performance-Gruppe „WildwuX” zum neXTday-Schluß. Der Captain fischt Müll aus dem Meer oder befriedet eine Insel, kurz gesagt: „Captain neXT rettet die Welt. Laßt uns ihm nacheifern!”

Angefangen haben wir: Im Schein von Wunderkerzen stehen die neXTday-Visionen auf dem Steg im Brunnen. Und wie geht es weiter? Captain neXT hat es ja gesagt: „Jugend rettet die Welt!”

Konzert

Die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des neXTday steigt mit dem abendlichen Rockkonzert auf rund 2.000. Damit werden die Erwartungen des Landesjugendringes mehr als erfüllt.

Die VibesBuildAir: Zwischen Rock und Pop boten sie einen kunterbunten Strauß schöner und schräger Melodien.
ManaLove: »Alternative-Splash-Pop« der als wilde, komplexe und organische Rockmusik überzeugt.
The Jinxs: Ihre traumhaft erdige Musik erzeugt tolle Laune und verzaubert die Fans.